25 Jahre Haft für Kosovos Ex-Präsident Thaci wegen Kriegsverbrechen
Der im Kosovo weithin verehrte frühere Präsident und Guerillakämpfer Hashim Thaci ist wegen Kriegsverbrechen im Kosovo-Krieg zu 25 Jahren Haft verurteilt worden. Das Sondertribunal in Den Haag befand Thaci am Mittwoch unter anderem der "rechtswidrigen Festnahme, Folter, des Mordes und grausamer Behandlung" schuldig. Kosovos Regierungschef Albin Kurti bezeichnete das Urteil als "inakzeptable Ungerechtigkeit". In der Hauptstadt Pristina und in Den Haag kam es zu Konfrontationen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften.
Der 58-jährige Thaci nahm das Urteil im Gerichtssaal in Den Haag regungslos zur Kenntnis. Die Anklage hatte für ihn und drei mitangeklagte Kommandeure der Kosovo-Befreiungsarmee UCK 45 Jahre Haft wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gefordert. Die albanisch-kosovarische UCK kämpfte im Kosovo-Krieg in den Jahren 1998 und 1999 für die Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien.
Das Gericht verurteilte alle vier Angeklagten wegen willkürlicher Inhaftierung und Folter von hunderten Menschen sowie für 96 Morde. Von den Vorwürfen der Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden sie freigesprochen. Alle Angeklagten hatten auf nicht schuldig plädiert.
Thaci war 2020 nach der Anklageerhebung von seinem Amt zurückgetreten und stellte sich dem Gericht. Er befindet sich seitdem in Den Haag in Haft. Die bereits verbüßte Haftzeit wird von seiner Strafe abgezogen, wie das Gericht mitteilte.
Thacis frühere Mitstreiter in der UCK erhielten ebenfalls langjährige Haftstrafen. Jakup Krasniqi wurde zu 25 Jahren, Kadri Veseli zu 18 Jahren und Rexhep Selimi zu 13 Jahren Haft verurteilt.
Für viele Menschen im Kosovo sind Thaci und die UCK verehrte Symbole der Unabhängigkeitsbewegung. Thacis Unterstützer hatten sich wochenlang auf einen möglichen Freispruch vorbereitet.
Am Mittwoch versammelte sich eine große Menschenmenge in Pristina, um die Urteilsverkündung live zu verfolgen. Als die Entscheidung verkündet wurde, verstummte die Menge. Viele schienen von dem Urteil schockiert zu sein. Als klar wurde, dass der Ex-Präsident in Haft bleiben würde, leerte sich der Platz innerhalb weniger Minuten fast vollständig. "Bei dem Prozess ging es nicht um Gerechtigkeit, sondern um Politik", sagte der Rentner Tahir Bytyqi der Nachrichtenagentur AFP.
Zudem zog eine Gruppe junger Männer zum Sitz der EU-Mission Eulex in Pristina. Dabei schwenkten sie UCK-Flaggen und riefen in Sprechchören den Namen der Kosovo-Befreiungsarmee. Einige warfen Steine auf das Gebäude und lieferten sich Rangeleien mit Sicherheitskräften.
Auch in Den Haag kam es nahe dem Gericht kurzzeitig zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen wütenden Demonstranten und Sicherheitskräften. Einige Protestierende kletterten auf ein Polizeifahrzeug. Die Polizei setzte einen Wasserwerfer ein, um die Menge auseinanderzutreiben.
Der kosovarische Regierungschef Kurti nannte die Verurteilung und das Strafmaß gegen Thaci und die Mitangeklagten eine "inakzeptable Ungerechtigkeit". In einem Berufungsprozess müsse das Urteil "korrigiert" werden, forderte er. Außenminister Glauk Konjufca sprach in Den Haag von einem "furchtbaren Urteil für das Kosovo, für unseren Befreiungskrieg".
Das mit internationalen Richtern besetzte Kosovo-Sondertribunal untersucht Verbrechen der UCK während und nach dem Konflikt, vor allem an Serben, Roma und kosovo-albanischen Gegnern der Guerilla. Im Kosovo-Krieg wurden mehr als 13.000 Menschen getötet, die meisten von ihnen Kosovo-Albaner.
Thaci war im Jahr 2007 nach Wahlen zum Regierungschef des Kosovo ernannt worden. 2008 verlas er im kosovarischen Parlament die Unabhängigkeitserklärung des Landes von Serbien, die von Belgrad bis heute nicht anerkannt wird. Trotz Korruptionsvorwürfen blieb er in dem Balkanstaat eine zentrale Figur der Politik und wurde 2016 zum Präsidenten gewählt. Thaci hat stets Fehlverhalten während des Kosovo-Krieges bestritten und den Konflikt als "gerechten" Aufstand gegen serbische Unterdrückung bezeichnet.
B.Cook--PI